Schwäbisches Tagblatt vom 06.05.2010
Tübingen wird zur Bühne für die Kulturnacht "Blaupause"
"Ausklingen lassen könnte man die Nacht dann beispielsweise in den
oberen Museumssälen, um 23.30 Uhr bei Rockpianistin und Stimmwunder
Charlotte Brandi und Schlagzeuger Matze Pröllochs. Oder – eine sehr
romantische Sache – im Jurte-Märchenzelt, das im Alten Botanischen
Garten steht: Naceur Charles Aceval liest Märchen aus Algerien."
Kompletter Artikel
Stuttgarter Zeitung vom 19.01.2010
Ein Hauch von Orient mitten im Schönbuch
Artikel aus der vom 19.01.2010
Weil im Schönbuch Naceur Charles Aceval pflegt die Erzähltradition seines Stamms - und erlebt Zauberhaftes. Von Gerlinde Wicke-Naber
Schon die Herkunftsgeschichte von Naceur Charles Aceval klingt wie ein Märchen. "Ich wurde 1951 geboren, doch meine Geschichte beginnt bereits im Jahr 1830 mit der Kolonisierung Algeriens durch die Franzosen", beginnt Charles Aceval stets seine Erzählungen. Damals seien seine Vorfahren aus dem Baskenland in das algerische Hochland ausgewandert, um dort Gärtner zu werden. Jean, einer der Nachkommen, verliebte sich in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unsterblich in ein Mädchen des Nomadenstamms Ouled Sidi Khaled. Doch Jean war Christ, seine Angebetete Ghèziel Muslimin. Eine Heirat war undenkbar. Kurzerhand entführte Jean die junge Frau und heiratete sie in der Stadt. "Damit war meine Mutter zu einer Ausgestoßenen geworden", sagt Aceval.
Trotzdem habe er durch seine Mutter und später nach dem Tod des Vaters auch durch die Großmutter die Erzähltradition seines Stammes mitbekommen. Denn das Märchenerzählen sei bei den algerischen Nomaden stets die Aufgabe der Frauen gewesen, für die Heldenepen seien die Männer zuständig. "Mit Märchen hat unsere Mutter uns unseren Hunger vergessen lassen", sagt Aceval. Sie habe Geschichten erzählt von Datteln, Honig und Brot, bis die hungrigen Kinder erschöpft einschliefen, eingelullt in Träume von süßem Essen.
Lange haben die Geschichten aus seiner Kindheit in Charles Aceval geruht, andere Dinge waren wichtiger. 1973 kam er als 22-Jähriger über Frankreich nach Reutlingen, wo einer seiner Brüder bei der französischen Armee stationiert war. In Tübingen lernte Aceval seine Frau kennen, mit der er nach einer kurzen Episode in Paris seit mehr als 30 Jahren in Weil im Schönbuch lebt. Die beiden Kinder sind längst erwachsen und Aceval ist zweifacher Großvater. Schwere Zeiten habe er hinter sich, sagt der 58-Jährige. Mit diversen Jobs und Tätigkeiten habe er sich über Wasser gehalten, bis er zusammenbrach und Depressionen sein Leben bestimmten. Doch dann stieß Aceval wieder auf den Schatz in seinem Inneren: die Geschichten seiner Kindheit. "Die Märchen haben mich gerettet", sagt er. Und er begann, diesen Schatz an andere weiterzugeben. Vorbild ist dabei seine Schwester Nora, eine bekannte Märchenerzählerin in Frankreich.
Bei seinen Erzählstunden verlässt sich der Erzähler ausschließlich auf die mündlich überlieferten Geschichten aus seiner Kindheit. Diese mischt er mit Anekdoten aus seinem eigenen Leben und auch so manch Erdachtem. Wahrheit und Märchen, Realität und Fiktives verschwimmen. Stets findet Aceval ganz getreu der orientalischen Erzählkunst in seinen Geschichten einen neuen Faden.
Das Erzählen übt Charles Aceval auf ausgedehnten Spaziergängen durch den Schönbuch. Und er hat dabei so manch erfreuliche Begegnung. "Kürzlich habe ich eine Frau mit ihrem Hund getroffen und ihr spontan eine kleine Geschichte erzählt", sagt Aceval. "Als ich sie Wochen später zufällig wiedertraf, hat sie sich bei mir bedankt und gesagt, meine Geschichte hätte ihr weitergeholfen."
Ein eigenes Programm hat Aceval für Kinder entwickelt. Ausgangspunkt ist dabei eine Reise auf dem fliegenden Teppich. Für jede Situation hat er eine Geschichte. Zum Beispiel zur Entstehung des algerischen Nationalgerichts Couscous: die Engel weinten über die hungernden Menschen während einer Dürre. Und die Tränen, die auf die Erde fielen, verwandelten sich in nahrhafte Couscouskörner. Gerne erzählt Aceval bei Veranstaltungen dieses Märchen und bereitet dazu das Gericht zu. Denn er ist nebenbei auch ein Koch.
Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung vom 22.08.2009
In eigenen Worten wiedergeben
22.08.2009 00:00 Uhr - Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber
Zweimal genau dasselbe Märchen erzählen? In der Tradition, in der sich Naceur Charles Aceval mit seinen Märchen-Erzählabenden bewegt, ist dies so gut wie ausgeschlossen: Denn die Märchen aus seiner Kindheit in Algerien präsentiert Aceval ausschließlich aus dem Kopf. Mit Gedächtnistraining hat das nichts zu tun: „Ich muss ein Märchen in meinen eigenen Worten erzählen, sonst ist es nicht authentisch“, erläutert Aceval.
Es geht also keineswegs darum, die mündlich tradierten Geschichten möglichst wortgetreu zu memorieren und dann gleichsam von einem inneren Spickzettel abzulesen. Sondern dass sich die Geschichten von Sprecher zu Sprecher leicht unterscheiden, in der Wahl der Metaphern, im Rhythmus der Sprache, manchmal sogar inhaltlich, ist wesentlicher Bestandteil dieser Erzähltradition. Die Märchen leben, bilden ein kollektives Gedächtnis, das von Generation zu Generation, von Dorf zu Dorf, und von Hörern, die selbst zu Erzählern werden, immer wieder neu befruchtet wird.
Kindheit in den Zelten
Deswegen greift es zu kurz, die kulturelle Strategie der mündlichen Erzähltradition ausschließlich als eine Vorstufe zur Schriftlichkeit zu betrachten. Obwohl etwas dran ist: „Meine Großmutter konnte weder lesen noch schreiben“, sagt Aceval, der 1951 im algerischen Sougueur geboren wird. Väterlicherseits stammt Aceval von baskischen Einwanderern ab. Seine Mutter, Ghéziel, ist die Tochter eines Scheichs des Nomadenstamms Ouled Sidi Khaled.
In den Zelten dieses Nomadenstammes verbringt Aceval einen Großteil seiner Kindheit. Märchen spielen hier eine große Rolle: Die Erzählabende der Großmutter bilden einen wichtigen kulturellen Fixpunkt. Diese Abende sind streng ritualisiert, was deren Wichtigkeit zeigt: Wenn sich die Kinder und Erwachsenen des Stammes abends um Frauen wie Acevals Großmutter sammeln, um Märchen zu hören, geht es um weit mehr als darum, ein paar heimelige Stunden erzählerischer Unterhaltung.
„Natürlich geht es auch um Unterhaltung“, so Aceval. Doch die Funktion des Erzählens greift weit darüber hinaus: Sie dienen unter anderem der Wissensvermittlung und der Geschichtsschreibung, als Gedächtnis des Volkes. So kann es sein, dass das erste Märchen Auskunft über die Herkunft des Stammes als Kinder („Ouled“) des mythischen Stammvaters Sidi Khaled erteilt, während das nächste schlicht Kochrezepte vermittelt.
Daran lässt sich sehen, warum die mündliche Tradierung dabei wichtig ist: Durch die Variation von Sprecher zu Sprecher, von Zeit zu Zeit, bleiben die Märchen am Leben und können nur so ihre Funktion als Volksgedächtnis weiterhin erfüllen. Eine Fixierung per Verschriftlichung friert die Märchen ein. Mit fatalen Folgen: Je weiter der Zeitpunkt der Fixierung zurückdatiert, desto fremder werden die eingefrorenen Texte, desto weniger lebendig sprechen sie zum aktuellen Hörer. Unter anderem darauf spielt Aceval an, wenn er sagt: „Ich muss die Märchen in eigenen Worten erzählen.“ Und so wird verständlich, warum sich Aceval mit ein wenig Unwohlsein an die Niederschrift der Geschichten seiner Kindheit macht, um eine im Aussterben begriffene Tradition zu bewahren: „Das Gefühl, den Märchen damit Gewalt anzutun, ist immer mit dabei.“
Die westliche Konterstrategie gegen die Probleme der Verschriftlichung heißt Interpretation: Zwischen Sprecher und Hörer tritt eine weitere Instanz, die deutend versucht, verlorene Aktualität eines Textes wieder herzustellen. Jedes Schulkind, das sich einmal mit Texten wie „Faust“ oder „Wallenstein“ beschäftig hat, kennt diese Strategie. Für Charles Aceval, der 1972 nach Frankreich und 1974 nach Deutschland kam, war diese Strategie neu: „Ich habe zum ersten Mal in Deutschland aus Büchern etwas über die Techniken der Literaturinterpretation gelernt.“
Erzählen ohne Deutung
Den Ouled Sidi Khaled sind solche Deutungstechniken fremd: Niemals wäre es Acevals Großmutter in den Sinn gekommen, nach dem Erzählen eines Märchens eine Deutung oder Moral der Geschichte zu liefern. In der Erzähltradition der algerischen Nomadenvölker bildet der Hörer eine wesentliche sinnstiftende Komponente im Erlebnisdreieck Erzähler, Geschichte, Hörer. Dem Rezipienten eine eindeutige Deutung quasi gewaltsam in den Rachen zu stopfen, käme den Ouled Sidi Khaled widersinnig vor.
Dass ein Text ohne Rezipient keinerlei Sinn hat, gilt selbstverständlich auch für die westliche Literaturtradition. Doch während sich dieser Umstand in der mündlichen Erzähltradition natürlich und von selbst erschließt, musste er in der westlichen Tradition mühsam erarbeitet werden, etwa durch wissenschaftliche Literaturtheorien. Deswegen stellt es eine solche Bereicherung dar, wenn Erzähler wie Charles Aceval aus Weil im Schönbuch oder Odile Nèri-Kaiser aus Weil der Stadt die Kunst der freien mündlichen Erzählung wieder pflegen.
Kontakt zu Naceur Charles Aceval gibt es per E-Mail an charles@aceval.net, seine Website findet sich unter www.aceval.net